Die Wahrheit liegt im Anstieg – mein Abschied von der Nabenschaltung

Zu Beginn meines Radlerlebens war ich ziemlich stolz auf mein Cityrad von Pegasus. Ein zuverlässiger Begleiter, der mich durch Wind und Wetter brachte. Mit seiner pflegeleichten 7-Gang-Nabenschaltung fühlte ich mich bestens gerüstet – immerhin war ich davor Jahrzehnte lang mit einer schnöden 3-Gang-Schaltung unterwegs gewesen. Fortschritt, dachte ich.

Doch dann kam die Sache mit den Bergen.

Wenn die Nabe ins Keuchen gerät

Auf meiner Tour entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze warteten nicht nur geschichtsträchtige Orte auf mich, sondern auch der Harz. Und der meinte es ernst. Während mein Rad keuchte, schob ich stillschweigend. Immerhin war ich alleine unterwegs. Aber das war erst der Anfang.

Einige Wochen später ging es in die Rhön. Ziel: Point Alpha, jener berüchtigte „heißeste Punkt im Kalten Krieg“. An meiner Seite: mein Freund Ulli. Auch Radler, aber mit 21-Gang-Kettenschaltung. Während ich mich den Berg hochkämpfte, schob, schwitzte und innerlich fluchte, rollte er geschmeidig hinauf. Und hatte oben schon wieder Puste, als ich völlig entkräftet ankam.

Ich glaube, das war der Moment, in dem der Gedanke reifte: Vielleicht doch mal was anderes als Nabe?

Das Schicksal in Form einer Speiche

Es folgten weitere Höhenmeter im Thüringer Wald und Fichtelgebirge – und jedes Mal dieselbe Szene: Ulli kurbelt, ich krabble. Mein Cityrad war robust, aber die Anzeichen der Überlastung mehren sich. Und dann, kurz vor Tourende, machte es „klack“. Ulli sagte: „Da schleift doch was.“ Wir schauten – und sahen die Bescherung: eine gebrochene Speiche. Nach über 1000 Kilometern auf dem Grünen Band.

Improvisation war gefragt. Ich verklemmte die Speiche zwischen ihren gesunden Schwestern und fuhr weiter. Irgendwie wird’s schon halten.

Werkstatt-Schock und Radentscheidung

Wieder daheim in Norddeutschland steuerte ich die Werkstatt meines Vertrauens an. Die Reaktion war eindeutig: Hände über dem Kopf, mitleidige Blicke, Kopfschütteln. Mit Gepäck und gebrochener Speiche weiterzufahren – das sei „sportlich“ gewesen. Sie flickten zwar, aber nach nur 80 Kilometern verabschiedete sich die nächste Speiche. Diesmal endgültig.

Es war klar: Ein neues Rad musste her.

Liebe auf den zweiten Blick: Gudereit

Ich landete bei einem Fahrradhändler. Die Beratung? Ganz okay. Man empfahl mir ein Trekkingrad von Gudereit, einem traditionsreichen Hersteller aus Bielefeld. Als gebürtiger Ostwestfale war mir das sofort sympathisch. Bei der Rahmenhöhe wurde allerdings mehr geschätzt als gemessen – es galt wohl das Prinzip „Was da ist, passt schon“.

Frühling am Neckar

So kam ich zu meinem etwas zu groß geratenen, aber äußerst zuverlässigen Trekkingrad. Und – Trommelwirbel – mit 27-Gang-Kettenschaltung.

Neue Welt, neues Surren

Anfangs fühlte ich mich wie auf einem technischen Raumschiff. Drei Kettenblätter vorne, neun Ritzel hinten – Mathematik auf zwei Rädern. Die Schaltung reagierte sensibler als mein bisheriges Rad. Falsches Timing? Da krachte die Kette beleidigt. Schalten im Stand? Ein klares „Nein, danke!“.

Aber dann, mit der Zeit, kam das Gefühl. Ich lernte die Logik hinter den Gängen, spürte die Leichtigkeit beim Anstieg, hörte dieses zufriedene Surren, wenn Kette und Gang harmonierten.

Klar, die Kettenschaltung will gepflegt werden. Putzen, ölen, justieren. Aber sie gibt auch viel zurück: Flexibilität, Fahrfreude – und das gute Gefühl, nicht mehr der Letzte am Berg zu sein.

Mein Fazit: Kette statt Kompromiss

Die 7-Gang-Nabe war mein verlässlicher Begleiter in der Ebene. Sie verzieh vieles, forderte wenig. Die Kettenschaltung dagegen? Die verlangt Aufmerksamkeit, aber belohnt mit Möglichkeiten. Heute will ich sie nicht mehr missen. Auch wenn mein Rad ein paar Zentimeter zu groß ist, es bringt mich überall hin – notfalls sogar bergauf.


3 Kommentare zu „Die Wahrheit liegt im Anstieg – mein Abschied von der Nabenschaltung“

  1. Avatar von Martin Brock
    Martin Brock

    Ich habe diverse Schaltsysteme besessen – mein Fazit: Eine 7 Gang Nabe ist nun wirklich nichts für Steigungen. Eine 8 Gang Nabe schon signifikant besser, wenn auch nicht hinreichend für Touren im Gebirge. Letztendlich favorisiere ich die Rohloff Nabe. Eine Kettenschaltung ist mir zu aufwendig in der Pflege.

  2. Avatar von Jörg Christmann
    Jörg Christmann

    Da muss ich jetzt meinen Senf dazugeben, da Martin Brock auf deinen Artikel geantwortet hat und darin sagt, die Kettenpflege wäre zu aufwendig bei einer Kettenschaltung! Von mir kommt da ein klares nein, das stimmt so nicht! 😉 Hab unsere Räder schon vor längerer Zeit auf Kettenwachs umgestellt und das sollte generell so sein, finde ich. Die Kette und der gesammte Antrieb bleibt wunderbar sauber, es haftet kein Schmutz an Ketten oder Ritzeln. Wenn ich das Rad reinige, mit Schwamm und warmem Wasser, einfach den Antrieb mit waschen und nach dem trocknen mit flüssigem Kettenwachs wieder schmieren fertig. Hält in der Regel so 200 bis 300Km und nachwachsen macht kaum Aufwand. Bei ner neuen Kette ist es allerdings etwas aufwendiger, bis sie kplt. entfettet und metalisch rein ist. Dann bekommst sie bei mir aber auch, als erte Massnahme, ein Bad in Heißwachs, danach nur noch Flüssigwachs. Es gibt inzwischen zwar schon gewachste Ketten zu kaufen, die sind mir aber zu teuer, ich machs selber. Ausschlaggebend war, dass ich mir meine Hose versaut hatte, mit Kettenfett /öl, beim aufladen auf den Fahrradträger, am Auto. Das passiert nun nicht mehr!

    1. Avatar von Helmut

      Das wäre mir etwas zu aufwendig. Da bleibe ich doch bei der konventionellen Pflege mit ganz wenig Spezialöl.

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