Wer behauptet, der Weg in den Ruhestand sei ein sanfter Übergang mit viel Muße und stillen Gedanken, der hat meinen nicht erlebt. Bei mir begann alles mit einer Zugfahrt, einem Artikel und zwei Frauen, die es faustdick hinter den Ohren hatten: meine Frau und meine Tochter.
Bis Ende 2010 war ich nationaler Verkaufsleiter in einem japanischen Elektronikkonzern. Klingt international, war es auch. Meine Kunden waren hochspezialisierte Betriebe quer über die Republik verteilt – viele davon wurden über die Jahre zu guten Bekannten, manche fast zu Freunden. Als der Ruhestand näher rückte, nutzte ich meine letzten Dienstreisen, um mich persönlich zu verabschieden. Dabei lernte ich vor allem eines wieder schätzen: Sitzplatzreservierungen in der Bahn.


Auf einer dieser Fahrten blätterte ich in der DB MOBIL. Nicht ahnend, dass ein Artikel mein Leben umkrempeln würde. Es ging um einen Radfahrer, der die ehemalige innerdeutsche Grenze – das sogenannte „Grüne Band“ – entlanggeradelt war. Der Bericht packte mich. Heimatgeschichte, Natur, Bewegung – das klang nach Abenteuer. Zuhause berichtete ich meiner Familie wohl etwas zu begeistert davon.
Weihnachten 2010 kam. Ich rechnete mit Büchern oder Wein. Stattdessen lagen da: zwei graue Ortlieb-Gepäcktaschen und ein Bikeline-Tourenführer Das Grüne Band. Der Blick meiner Frau war dabei schwer zu deuten – irgendwo zwischen liebevoll, spöttisch und: „Jetzt gibt’s kein Zurück mehr, mein Schatz.“
Was ich nicht wusste: In ihrem Kopf drehte sich längst das Gedankenkarussell. „Was macht der Mann, wenn er plötzlich den ganzen Tag zuhause ist? Wird er den Kühlschrank umorganisieren? Alles besser wissen?“
Also: Raus mit ihm! Und zwar auf zwei Rädern.
Natürlich hatte ich ein Fahrrad – ein solides Citybike mit 7-Gang-Nabe und Felgenbremsen. Wie schwer so ein Rad mit Gepäck sein darf? Keine Ahnung. Ich rechnete nach dem Prinzip „Wird schon gutgehen“. Rückblickend: mutig – oder sagen wir freundlich-naiv.
Immerhin: Ich war nicht allein. Für den Norden des Grünen Bands konnte ich meinen Freund Mike begeistern, im Süden radelte Ulli mit. Die Etappen dazwischen absolvierte ich solo. Genau diese Alleinfahrten entpuppten sich später als die intensivsten Erlebnisse – zwischen Stille, Regenwolken, merkwürdigen Umwegen und überraschenden Begegnungen.
Was damals begann, wurde zur Initialzündung. Nicht nur für viele Touren, sondern für eine neue Haltung zum Leben.
Die Geister, die ich rief? Ich würde sie jederzeit wieder rufen.
Und ja – meine Frau hat mittlerweile den Garten wieder ganz für sich.


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