Grünes Band – Von der Ostsee in die Altmark

Ein Samstag, der nach Abenteuer roch!
Mein Freund Mike und ich saßen im Zug nach Lübeck, zwei Fahrräder im Gang, einen leicht zerlesenen Bikeline-Führer auf dem Schoß. Mehr Vorbereitung war nicht nötig. In Travemünde brachte uns die Fähre über die Trave auf den Priwall. Da stand er: ein alter Grenzturm, grau, still, unaufgeregt. Kein großes Zeichen, nur der Punkt, an dem alles begann.

Der Kolonnenweg rüttelte uns schnell ein. Diese alten 28-Loch-Platten machten keinen Hehl daraus, dass sie nicht für Radfahrer gedacht waren. Alle paar Meter ein Schlag. „Zum Gewöhnen“, murmelte einer von uns. Wir blätterten im Bikeline, drehten die Karte im Wind und suchten die Linien, die wir für den richtigen Weg hielten. GPS? Fehlanzeige. Wir fuhren so, wie man früher eben fuhr: schauen, vergleichen, hoffen.

Hunger, Holzhaus, Hänger
Irgendwann zwischen „da müsste gleich was kommen“ und „vielleicht doch noch zwei Kilometer“ knurrte der Magen lauter als die Räder. Ein Café? Fehlanzeige. Schließlich landeten wir in einem Supermarkt-Backshop. Zwei belegte Brötchen, lauwarmer Kaffee aus dem Automaten – das Mittagessen war abgehakt, der Humor blieb.

Dann kam das Schild zur Anglerklause. „Warme Küche, täglich geöffnet.“ Das klang nach Rettung. Ein Holzhaus zwischen Teichen, Bratkartoffelgeruch, ein Wirt mit Zeit. Wir bestellten, aßen, redeten – und blieben hängen. Die Sonne stand schon tiefer, als wir endlich wieder aufstiegen. Ein schöner Hänger, wie man ihn nur auf Radtouren kennt.

Nandus und Regen
Später tauchten auf einem Feld mehrere Nandus auf – große, neugierige Vögel, die, wie wir später erfuhren, hier seit Jahren heimisch sind. Wir hielten an, staunten und rollten weiter in die beginnende Dämmerung hinein. Gegen Abend kam Regen auf. Erst feiner Sprühnebel, dann ernsthafter Niesel und es wurde dunkel. In Ratzeburg war der Zug weg, das Bahnhofsrestaurant geschlossen. Wir warteten unter einem Vordach, tropfnass, schweigend. Trotz allem: ein gelungener Start.

Zwei Wochen später – von Ratzeburg nach Büchen
Der zweite Anlauf war kürzer, aber nicht weniger schön. Mit der Bahn gings nach Ratzeburg und von dort aus über Zarrentin nach Süden. Der Schaalsee glänzte neben uns, Felder und Wald wechselten sich ab. Kaum Verkehr, kaum Menschen, viel Zeit zum Treten.

In Büchen endete der Tag früh. Kein Spektakel, keine Anekdote, nur dieser stille Fluss der Bewegung, den man nach den ersten Touren so mag. Wir beschlossen: Beim nächsten Mal hängen wir eine Nacht dran.

Dritte Runde – jetzt wurde es eine Reise
Die Bahn brachte uns nach Büchen, diesmal mit Gepäck. Der Weg führte entlang des Elbe-Lübeck-Kanals, still und gleichmäßig. Enten zogen Spuren im Wasser, das Rad lief ruhig. In Lauenburg legten wir an der historischen Schleuse eine Pause ein, sahen dem Wasser zu und schauten auf Backstein, Stahl und Geschichte.

Weiter ging es nach Boizenburg. Auf dem Marktplatz fanden wir ein Café, tranken Kaffee, schauten dem gemächlichen Treiben zu. Kleine Pause, große Wirkung. Danach führte der Weg Richtung Neu Bleckede. “Unsere” Fähre nach Niedersachsen. Einzelne Aussichtstürme am Fluss, einladend und für jedermann besteigbar, um die Tierwelt der Elbtalaue aus der Vogelperspektive zu beobachten, begleiten unseren Weg. Und dann die nächste Fähre. Diesmal ohne Wechsel des Bundeslandes. Ein gut erhaltener Grenzturm erinnerte auch hier daran, dass die Freiheit hier nicht immer selbstverständlich war. Jetzt befinden wie uns im Amt Neuhaus. Nach dem 2. Weltkrieg wurde diese Gemeinde aus praktischen Erwägungen heraus dem Gebiet der DDR zugeschlagen. 1993 dann die „Rückkehr“ ins Land Niedersachsen.

Kurz vor unserem Tagesziel kommen wir nach Rüterberg, heute ein Ortsteil von Dömitz. Ein weiterer bewegender Ort der deutschen Wiedervereinigung. 1989 hatten sich die Bewohner zur „Dorfrepublik“ erklärt – aus Trotz gegen die Enge, in der sie lebten. Wir hielten kurz an, lasen die Infotafel, sahen auf die Elbe. Viel mehr musste man dazu nicht sagen.

Gegen Abend erreichten wir Dömitz. Radlerpension Zur Festung, Zimmer beziehen, Duschen, Essen. Im Restaurant gab es Würzfleisch – das erste meines Lebens – und einen klaren Schnaps für 75 Cent. Mike hob das Glas, grinste und meinte: „Manchmal lohnt sich der Grenzübertritt auch kulinarisch.“

Von der Elbe in die Altmark
Am nächsten Morgen Frühnebel über der Landschaft. Diesmal auf der neuen Brücke über den Fluss. In der Elbaue hinter Dömitz die beeindruckende Reste der ehemaligen Eisenbahnbrücke. Zerstört im 2. Weltkrieg und heute mahnende Erinnerung an die Schrecken des Kriegs. Wir folgten dem Fluss südwärts, bis wir in Schnackenburg ankamen. Das Grenzlandmuseum gab den Geschichten entlang der Strecke Gesichter. Anschließend setzten wir uns in den Biergarten nebenan, tranken etwas Kühles und sahen auf die Elbe. Unser Abschied vom Fluss – ab jetzt führte das Grüne Band ins Land hinein.

Ehemalige Eisenbahnbrücke bei Dömitz

Hinter uns lagen Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und ein wenig Niedersachsen, vor uns begann Sachsen-Anhalt. Die Strecke wurde stiller, weiter. Dann, fast aus dem Nichts, der Arendsee vor uns. Rund, ruhig, ein See wie aus dem Lehrbuch, und uns bis dahin völlig unbekannt. Wir hielten an, setzten uns ans Ufer und genossen einfach die Pause.

Die letzten Kilometer bis Salzwedel liefen gleichmäßig. Die Sonne stand tief, die Beine waren schwer, aber der Kopf war leicht. Kein Ziel mit Triumphbogen, sondern eines, das sich richtig anfühlte.

Fazit
Drei Touren, jede anders, zusammen 250 Kilometer. Keine Heldentaten, aber ehrliche Kilometer. Das Grüne Band hat uns gezeigt, dass Geschichte nicht auf Tafeln steht, sondern unter den Reifen liegt. Die Grenze ist weg, geblieben ist ein Weg, der verbindet.

Und für uns war klar: Das war nur der Anfang.

Die genaue Routenbeschreibung habe ich als Collection in komoot veröffentlicht: https://www.komoot.com/de-de/collection/3834083/-das-gruene-band-von-der-ostsee-nach-tschechien


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