Allein unterwegs – ungewohnt, aber lehrreich
Manchmal beginnt eine Reise mit einer einfachen Frage: Wie fühlt sich das eigentlich an, ganz allein unterwegs zu sein?
Beim zweiten Abschnitt am Grünen Band sollte ich darauf eine ziemlich klare Antwort bekommen.
368 Kilometer entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze, von der Altmark bis nach Friedland. Vollkommen allein. Keine Mitfahrer, kein Austausch unterwegs, kein gemeinsames Kartenstudium. Nur ich, mein Rad, der Bikeline-Führer und die Gewissheit, dass Entscheidungen nun ausschließlich bei mir lagen.
Zum ersten Mal auf einer längeren Tour ausschließlich auf mich selbst gestellt zu sein, war zunächst ungewohnt. Keine Gespräche während der Fahrt, keine kurzen Absprachen an Weggabelungen. Kontakte ergaben sich nur punktuell: beim Abendessen, in der Unterkunft oder zufällig am Wegesrand.
Was sich anfangs etwas befremdlich anfühlte, wurde im Rückblick zu einer stillen Erfahrung. Entschleunigung nicht als Schlagwort, sondern als Zustand. Ein Alleinunterwegssein, das gut zum Ruhestand passte: Zeit genug, den eigenen Rhythmus zu finden – und niemand außer mir selbst, der darüber entschied.
Anreise und Auftakt: Salzwedel – Diesdorf
Die Anreise mit der Bahn verlief überraschend problemlos. Umstieg in Hamburg, weiter über Lüneburg in die Altmark. Trotz Gepäck kein Stress. Innerhalb von vier Wochen war ich bereits zum zweiten Mal in Salzwedel. Früher kannte ich den Namen praktisch nur vom Baumkuchen, heute zeigte sich eine gepflegte ehemalige Hansestadt mit ruhigem Charme.
Mein Tagesziel war Diesdorf, rund 60 Kilometer entfernt. Die Strecke hatte es in sich – weniger wegen der Höhenmeter, sondern wegen der völligen Abwesenheit von Versorgungsmöglichkeiten. Keine Läden, keine Tankstellen, keine Einkehr. Stattdessen weite Landschaft und hin und wieder ein Schild, das auf den wöchentlich haltenden Sparkassenbus verwies.
Meine Tagesverpflegung bestand aus einer Banane und einer Flasche Wasser. Das war optimistisch. Seit diesem Tag fahre ich nicht mehr ohne vernünftigen Notproviant.

Diesdorf selbst wirkte widersprüchlich. Teilweise saniert, daneben leerstehende Häuser und verfallene Gebäude. Mein Vermieter erzählte von den Schwierigkeiten im ehemaligen Sperrgebiet. An diesem Abend habe ich viel gelernt – über die Region und ihre Geschichte.
Durch den Drömling nach Oebisfelde
Am nächsten Morgen ging es weiter Richtung Oebisfelde. Der Weg führte durch den Drömling. Ein Gebiet, von dem ich zuvor noch nie gehört hatte. Heute weiß ich: Der Drömling ist ein rund 340 Quadratkilometer großes Niederungsgebiet zwischen Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. Einst sumpfig, später von holländischen Spezialisten urbar gemacht.
Heute ist es eine stille Landschaft mit wenigen Höfen, geraden Wegen und viel Raum. Auf etwa 25 Kilometern begegnete mir kein Mensch. Keine Autos, keine Radler. Dafür Biber, die gelegentlich die Straße kreuzten.
Rückblickend gehört der Drömling für mich zu den eindrucksvollsten Abschnitten am Grünen Band.



Am Bahnhof Oebisfelde endete meine erste Mehrtagestour als Alleinradler. In der Bahn sitzend war ich müde – und ausgesprochen zufrieden.
Neustart in Oebisfelde – Richtung Harz
Einige Wochen später ging es mit der Bahn erneut nach Oebisfelde. Diesmal mit Gepäck für drei Übernachtungen. Das Ziel: Friedland bei Göttingen. Dazwischen lagen Schöningen, Ilsenburg und Duderstadt.
Schon nach wenigen Kilometern erreichte ich die Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn am ehemaligen Grenzübergang Helmstedt–Marienborn. Ein Ort, der den historischen Rahmen dieser Tour noch einmal deutlich machte.


Von dort ging es vorbei an der riesigen Grube des Braunkohletagebaus nach Schöningen. Die Übernachtung fand in einem eleganten Hotel statt – leider ohne überdachten Stellplatz fürs Fahrrad. Nach Regen in der Nacht war mein Rad morgens gut gewässert.
Hitze, Orientierung und ein Mähdrescher
Der folgende Tag begann warm und wurde zunehmend schwül. Einkehrmöglichkeiten blieben rar. Irgendwann tauchte ein einsamer Landgasthof auf. Im Angebot: Bier aus der Flasche, Bockwurst mit Toastbrot. Mehr nicht. Die Zeit schien hier stehen geblieben zu sein.
Kurz darauf drifteten Bikeline-Führer und Realität auseinander. Ich verlor die Orientierung. Weit und breit niemand, den man hätte fragen können. Nur in der Ferne ein Mähdrescher auf dem Feld. Also Kurswechsel. Der freundliche Fahrer hielt an, hörte zu und brachte mich wieder auf die richtige Spur.
Regen, Harz und Erbsensuppe
In der Ferne rückte der Harz näher. Der Brocken wurde sichtbar. Gleichzeitig zogen dunkle Wolken auf. Donner, ein paar Blitze – und anschließend öffneten sich die Schleusen. Es goss vom Himmel.
Regencape an, T-Shirt, kurze Hose, nasse Schuhe. Aufgeben war keine Option. So kämpfte ich mich zur nächsten Unterkunft, dem Waldhotel Am Ilsestein.
Der nächste Morgen zeigte den Harz von seiner typischen Seite: Nebel, leichter Regen, matschige Wege. Es tropfte von den Bäumen. Ich musste da durch. Meine 7-Gang-Nabenschaltung kam an ihre Grenzen, schieben gehörte dazu. Bergab war Vorsicht angesagt – glitschig und tückisch.
Stunden später tauchte endlich eine große Holzhütte auf. Geschützter Sitzplatz, ein paar Bistrotische im Regen davor. Ich war bei Kukki und seiner Erbsensuppe am Schmalspurbahnhof Drei-Annen-Hohne. Nach dieser Pause sah die Welt wieder freundlicher aus.

Duderstadt und das Eichsfeld
Die noch vor mir liegenden 60 Kilometer schaffte ich. Die großen Steigungen lagen hinter mir. Kurz vor Duderstadt wartete das Gasthaus „Zur Erholung“ – der Name war für mich Programm. Duschen, essen, trinken und lange schlafen.
Am nächsten Tag sollte es durchs Eichsfeld über 65 Kilometer nach Friedland gehen. Der Vortag mit 85 Kilometern und rund 1.100 Höhenmetern forderte jedoch seinen Tribut. Dazu kam das ständige Auf und Ab im Eichsfeld sowie kräftiger Gegenwind. Die Etappe wurde gekürzt, die Heimreise schließlich vom Bahnhof Heilbad Heiligenstadt angetreten.
Erinnerungen am Wegesrand
Entlang des Grünen Bandes wird man immer wieder daran erinnert, wo man unterwegs ist. An jeder Straße, die die frühere innerdeutsche Grenze querte, stehen heute einheitliche große Tafeln, die auf die Teilung Deutschlands und Europas hinweisen. Sie gehören ganz selbstverständlich zur Strecke. Man fährt darauf zu, hält kurz an, liest ein paar Zeilen – und ist wieder mittendrin in einer Geschichte, die hier überall Spuren hinterlassen hat.
An vielen Stellen begegnen einem dazu Kunstobjekte, mit welchen Künstler die Erinnerung an den ehemaligen Grenzverlauf wach halten möchten. Besonders beeindruckt hat mich im Eichsfeld das WestÖstliche Tor. Zwei zwölf Meter hohen Eichenstämmen, die am Boden mit einer Edelstahlschwelle verbunden sind, stehen direkt auf der alten Grenzlinie.


Beeindruckend sind auch die Ausstellungen entlang der Strecke. Besonders hervorheben möchte ich Hötensleben mit seiner sehr realistischen Darstellung der Weiterentwicklung der Grenzanlagen. Schritt für Schritt wird nachvollziehbar, wie aus einfachen Sperren immer perfektere Abschottung wurde.
Auch das ehemals getrennte Dorf Zicherie-Böckwitz ist ein Beispiel dafür, wie grenznahe Orte durch Mauern und Sperren konsequent vom Westen ferngehalten wurden. Heute fährt man mit dem Fahrrad hindurch und muss sich bewusst machen, wie künstlich diese Trennung war – und wie real ihre Folgen.

Bei den ganz großen Erinnerungsorten ist natürlich der ehemalige Grenzübergang Helmstedt-Marienborn zu nennen. Einst der größte Übergang zwischen Ost und West. Heute fließt der Autobahnverkehr sechsspurig daran vorbei. Die riesige Abfertigungsanlage mit ihren Hallen, den großen Ausstellungen und den endlosen Stellplätzen für Pkw und Lkw ist ein bedeutendes Erinnerungszentrum. Gleichzeitig wird vieles durch den stetigen Verkehr fast in den Hintergrund gedrängt.
Fast stärker beeindruckt hat mich der kleinere Grenzübergang Duderstadt–Worbis, der das Eichsfeld früher trennte. Hier sind noch einige Anlagen direkt in der Natur erhalten: der frisch gepflügte und geharkte Todesstreifen oder die Kraftfahrzeugschnellsperre, mit denen Fahrzeug-Durchbrüche verhindert werden sollten. Keine große Inszenierung – und gerade deshalb so eindrucksvoll.



Die genaue Routenbeschreibung habe ich als Collection in komoot veröffentlicht: https://www.komoot.com/de-de/collection/3834083/-das-gruene-band-von-der-ostsee-nach-tschechien


Schreibe einen Kommentar